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im soso.

Mein Blick trifft von innen auf die grosse Glasscheibe, 2,36 auf 2,62 Meter, ich schĂ€tze 3cm dick. Die Scheibe, umrahmt von einem schwarzbemalten Holzbogen, gibt den Blick frei auf das breite Trottoir, die stark befahrene Strasse, nach rechts drei- und nach links doppelspurig, dann der grosse graue Platz, im Hintergrund sehe ich die ZugbrĂŒcke, unter welcher ein Gen-Zer wahrscheinlich einigermassen talentiert seine Micro-Scooter-Skills aufbessert. Seit ich durch die Scheibe schaue, sind zwei rote Linienbusse vorbeigefahren: Einmal der 11er und dann noch der 20er, vom Bahnhof aus in ihre lĂ€ngst vorgegebenen Richtungen. Auf der ZugbrĂŒcke lassen die ZĂŒge auf sich warten. Jetzt. Der ICE hat noch kaum an Geschwindigkeit
gewonnen, so nah am Bahnhof, er gleitet nur sehr gemĂ€chlich Richtung Aarau. Dann noch ein anderer Zug in kurzem Abstand hinterher. Das mĂŒsste dann wohl Linie Basel-Bern-Interlaken sein. Trainspotting, wir sind so urban. Runter auf die Strasse, wo jetzt von rechts der Bus Richtung Bahnhof fĂ€hrt. Rundkurs, alles noch mal von vorne. Wo kann ich Pause drĂŒcken? Halt, analoges Bild. Fast bin ich mittendrin, ohne Kompromisse eingehen zu mĂŒssen, das Glas dĂ€mpft all den LĂ€rm, die Abgase, die Interaktion. Mittlerweile sind siebzehn Velofahrer*innen
an der Scheibe vorbeigezogen, wohin auch immer. Ich bleibe in meinem Space, will nicht wissen, wohin die Menschen da draussen unterwegs sind und schaue kompromisslos in die motorbetriebene Welt. Uns trennen die 3cm, ich mag sie. Im kleinen Skatepark, fernab der stark befahrenen Strasse, drehen nunmehr drei Scooterfahrer rauf und runter ihre Runden. Ein weiterer Scooter stösst zur Gruppe, es mischt nun eine Fahrerin mit, sie mĂŒsste etwa fĂŒnfzehn Jahre alt sein, ein Jahr davon verloren, an eine gesamtgesellschaftliche Teilzeit-Prophylaxe. Meine Distanz zu allem, was sich draussen abspielt, wird grösser, je lĂ€nger ich beobachte, je lĂ€nger ich nicht wirklich Teil davon bin. Auf der Scheibe, zwei Welten teilend und verbindend, hat N. gestern schon Halborgan entstehen lassen. Ohr und Auge sind zu erkennen, eine Lippe wird riskiert. Maximal akkurate Fluchten prĂ€gen Acryl auf Glas. Mit Tesa zum perfekten Ergebnis geklebt. Die Illustration wird grossflĂ€chig werden, man wird den Raum dahinter, im Moment meiner und dann deiner, nur noch ĂŒber die nicht bemalten Fluchtlinien erkennen. Kannst du dir das vorstellen? Ich wĂŒnsche mir, dass die Überdimensionen schon fertig gemalt sind, N. Pause, der Schauplatz bleibt unbeobachtet. Was geschieht in meiner Abwesenheit, frage ich mich kurz, aber exorbitant. ZurĂŒck. Ein illegaler E-Scooter-Fahrer wird von einem
vorbeifahrenden Polizeiauto angehalten. «Sie wissen ja sicher, dass das Trottinett 20km/h fÀhrt! Das gehört auf die Strasse, nicht aufs Trottoir, neben Passanten, gell.» Kein Gendern, kein Siezen. Meine FÀhigkeit, Lippen zu lesen, hilft mir in solchen Momenten ungemein - vielleicht ist es aber auch Fantasie, die mir diese Situation erklÀrt. Ich gehe ganz dicht an die Scheibe ran. Die lauten FahrgerÀusche der stark befahrenen Strasse, direkt hinter dem breiten
Trottoir, verunmöglichen mir, durch die eine leise die zwei lauten Lippen zu lesen. Ich gehe nÀher an die Situation heran. Die beiden Polizisten sind schrÀg von mir abgewendet, der Illegale könnte mich sehen, ist aber mit einer privilegierten Rechtfertigung beschÀftigt. Er trÀgt seit Anbeginn der kurzweiligen Diskussion eine blaue Hygienemaske, die, so fantasiere ich, immer wieder griffbereit in seiner non-viralen linken Jackentasche weilt, und kann
bald schon weiterfahren. Auf der Strasse. Es wurden keine Papiere ausgetauscht, obwohl beide Seiten gekonnt hĂ€tten, der TĂ€ter bleibt unbestraft. HĂŒter und HĂŒter u-turnen ĂŒber die stark befahrene Strasse, sehen wohl die durchzogene Linie zu spĂ€t, es passiert nicht mehr viel. Weg von der Strasse will ich mich im Innern dem denkmalgeschĂŒtzten GemĂ€uer widmen, das den Raum zu einem 12-meterlangen Tunnel formt. Links von mir zieren 3x14 weisse Papier-Quadrate temporĂ€r den untersten Teil der sonst leeren Wand. Sitzhöhe. Das Interieur wird
visualisiert. Magst du ĂŒberhaupt Fliesen? Noch ist das unklar. Wie wird der anthrazitfarbene Raum wirken, wenn so viel Weiss, nur zur Zierde, eine durchzogene Linie bildet? Hat das was mit der Polizei zu tun? Unklar. Drinnen, auf der gegenĂŒberliegenden Seite der zweidimensionalen Fliesen, stehen LeinwĂ€nde, von ihnen geht ein Kellergeruch aus, der den leeren Raum fĂŒllt, wo nicht Zigarettenrauch steht. Man wird rĂŒckprojizieren. Das passende
QualitĂ€ts-Material konnte gratis ausgeliehen werden, V. hat Verbindungen zu einer Hochschule. Daneben die Leiter, ohne Verbindung fĂŒr immer ausgeliehen, unter der ich schon ĂŒbermĂŒtig hindurchgekrochen bin. Rechts von der Leiter bildet die Gegenseite zur grossen Scheibe ein zweites Tor, welches von einem eisernen Rollladen verschlossen wird. Der Rolladen hat auch schon mal als kaum sichtbare Pforte zum exklusiven Backstage an nicht so exklusiven Parties gedient. Er hat schon der Lagerung und der Abtrennung zu einer kleinen
BĂŒrorĂ€umlichkeit gedient. Bald schon wird der eiserne Rollladen das BĂŒhnenbild werden. Streamer, TĂ€nzerinnen, Schauspieler, FlĂŒgelspielerinnen, Geiger, Rednerinnen, Literaten, Kuratorinnen, Maler, Videoinstallateurinnen, Filmer, Kassettenbespielerinnen, Archivaren und sehr viele, die noch nicht wissen, was ihre eigene Kunst sein wird, werden seine Protagonist*innen sein. Ich habe das breite Trottoir, die stark befahrene Strasse, den grossen grauen Platz, im Hintergrund die ZugbrĂŒcke, all die Scooter vergessen. Ich bin nicht mehr draussen, beobachte nicht weiter, bin absolut anwesend im Off. Endlich Mitten im Raum. Dein Raum heisst soso.

Text: Mahalia Aura HaberthĂŒr